Sardinien - Die Schatzinsel

Die zweitgrößte Mittelmeerinsel bietet auf knapp 25.000 km2 herrliche Voraussetzungen zum Motorradspaß zwischen Felsen und Meer. Wir haben das Inselschätzchen unter die Motorradreifen genommen.

Olbia, die Hafenstadt im Nordosten Sardiniens, ist bei den meisten Motorradfahrern der Einstieg zum Inselurlaub. Die mit knapp 60.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Sardiniens ist eine der beiden Hauptstädte der Provinz Olbia-Tempio und per Fähre gut zu erreichen: Sie wird u.a. von Genua, Livorno, Piombino oder La Spezia angelaufen. Wir wählen die Nacht-Verbindung der Gesellschaft 'Moby Lines' von Livorno und kommen so ausgeruht und voller Fahrfreude am frühen Morgen auf Sardinien an. Gemeinsam mit Dutzenden anderer Motorradfahrer, Autos, Wohnmobilen und Bussen rollen wir von der Fähre und stellen uns für die ersten Kilometer aus dem Hafen und durch die Stadt in Richtung Norden schon mal auf Stop-and-go-Verkehr ein. Da jedoch nicht alle Ankommenden wie wir nach Norden, der berühmten 'Costa Smeralda' entgegen wollen und sich die Blechlawine in alle Himmelsrichtungen auflöst, geht es auch Dank der übersichtlichen Beschilderung recht zügig vorwärts.

Schnell lassen wir Olbia hinter uns und fahren auf der SS125, der SP73 und später auf der SP94 über 'Portisco' in Richtung 'Porto Cervo'. Bereits auf den ersten Kilometern sind wir begeistert von der Landschaft: Hügelig und kurvig stellt sie sich dar, bietet sich an der Küste stark zerklüftet mit schroffen Felsformationen und präsentiert immer wieder begeisternde Blicke auf das Meer. Dies offenbart uns auch, warum dieser Abschnitt „Costa Smeralda“ heißt: Smaragdgrün glitzert das Wasser im morgendlichen Sonnenschein.

Auserkoren durch die „Reichen und Schönen“ dieser Welt als eine ihrer Top-Adressen, ist 'Porto Cervo' vor allem bekannt. Zwischen Mai und September ist die VIP-Ansammlung hier wohl so groß wie kaum woanders und die mondäne 'Marina von Porto Cervo' der beste Ort, um beim „VIP-Watching“ vielleicht einen kurzen Blick auf Stars wie Cindy Crawford oder Victoria und David Beckham erhaschen zu können.

Wir suchen lieber das Weite und finden es auf der SP59 und unserem weiteren Weg durch die zauberhafte Landschaft viel besser. Die Küstenlinie entlang, weiter in Richtung Nordwesten, immer wieder garniert mit „WOW“-Ausblicken. Wir genießen das beschwingte und genussvolle Fahren bis nach Santa Teresa Gallura, von wo wir den Fähren zur Nachbarinsel Korsika nachschauen.

Weiter geht es gen Süden und wir schlagen uns ins Landesinnere durch, wedeln auf kurviger Strecke durch abwechslungsreiche Landschaft, die uns ihre ganze Schönheit mit den Granit- und Basaltgesteinsformationen, ihren Kork- und Steineichen, aber auch der typischen Macchia präsentiert. Kurz vor 'San Pasquale' biegen wir auf die SP70 ab und folgen der Wegweisung nach 'Arzachena'. Fast kommen wir uns schon vor wie auf einer Achterbahn, so rasch wechseln die Kurven mit Bergauf- und Bergab-Passagen. Der griffige Asphalt tut sein Übriges dazu, um uns den puren Fahrspaß zu bescheren. Als wir am Abend in der 'Agriturismo Candela' ankommen, haben wir entsprechend einen ganzen Tankrucksack voller prächtiger Eindrücke.

An 'Arzachena' vorbei bewegen wir uns am nächsten Morgen in grob südwestlicher Richtung und haben 'Calangianus' und 'Tempio Pausania' im Visier. Die Landschaft bietet uns ihre gesamte Palette von kargen, braunen Böden über dichte Macchia bis hin zu ausgedehnten Stein- und Korkeichenwäldern. Die relativ dünn besiedelte Region ist geprägt von zahlreichen Granitfelsen und Hügelland. Das kleine Städtchen 'Calangianus' ist das Zentrum der sardischen Korkverarbeitung, kein Wunder, denn es ist umschlossen vom größten Bestand an Korkeichen auf ganz Sardinien. Hier treffen wir auf die SS127 und fahren auf ihr nach 'Tempio Pausania', Hauptstadt der Provinz 'Gallura'.

Bis zu unserem heutigen Hauptziel 'Castelsardo', sind es noch einige Kilometer. Kurz davor folgen wir dem Wegweiser zum 'Roccia dell’Elefante', dem Elefantenfelsen, der direkt an der SS134 hinter der Leitplanke steht und eine viel fotografierte Sehenswürdigkeit darstellt.

Dann, an der Küste im Nordwesten der Insel, hoch auf einem Felsen gelegen, blickt der Ort Castelsardo, erhaben übers Meer. Diese Aussicht war der Grund, warum sich an dieser Stelle Menschen niederließen. Die Meerenge zwischen Korsika und Sardinien war bestens zu kontrollieren. Heute dient die traumhafte Aussicht zuweilen ganz anderen Zwecken. Die meisten Besucher genießen nur das imposante Panorama und legen im Schatten des Schlosses in den engen Gassen eine kühle Pause ein. Will man jedoch der/dem Liebsten seine Zuneigung beweisen, bietet am Abend die untergehende Sonne genau die richtige Atmosphäre. Der Himmel färbt sich glutrot und setzt die Stadt mitsamt dem Felsen in eine atemberaubende Stimmung.

Wir schlängeln uns die Küstenstraße entlang weiter nach Südwesten, umfahren 'Sassari' und erreichen die Küstenstadt 'Alghero'. Der herrlich einladende Strand bietet zahlreiche Cafés für eine gemütliche Cappuccino- oder Espresso-Pause. Vom alten Hafen führt uns die Küstenstraße in südlicher Richtung nach 'Bosa'. Fast 50 Kilometer herrliche Kurven gepaart mit „Köstlichkeiten“ fürs Auge wie Sarazenentürme, schroffe Felsen und Klippen, Strände und das herrliche Blau des Meeres offenbaren sich uns. Nach diesem Fahrvergnügen pur erreichen wir 'Bosa', die kleine Stadt am 'Temo', dem einzigen für die Schifffahrt geeigneten Fluss Sardiniens.

Um Kilometer zu machen und Zeit zu gewinnen, nehmen wir am nächsten Tag von Oristano die SS131, lassen die reizvolle Küsten- und Hügelregion rund um 'Iglesias' und den südlichsten Zipfel Sardiniens bei 'Domus de Maria' einfach rechts liegen und fahren in einem Rutsch bis nach 'Cagliari'. Die Inselhauptstadt Sardiniens Cagliari ist mit rund 170.000 Einwohnern im Süden der Insel das Ballungszentrum und natürlich Mittelpunkt für Wirtschaft, Tourismus und Kultur. In der Stadt selbst und im Umfeld bieten sich unzählige Möglichkeiten seinen Horizont zu erweitern. Beim Besuch des botanischen Gartens ebenso, wie in der Altstadt rund um das Schloss, bei einem Rundgang in einem der Museen oder Ausstellungen oder einfach am Strand dem berühmten Poetto. Der Hafen, die Salinen und die umliegenden Vorstädte sollen hier natürlich nicht unerwähnt bleiben. Dass in einer solchen Metropole auch am Abend ein umfangreiches Angebot besteht, ist nachvollziehbar.

Da wir aber noch ein „paar Meter“ vor uns haben und ja schließlich Motorrad fahren wollen, fahren wir wenig später auf der SS125 in Richtung 'Villasimius' und der 'Costa Rei' weiter. Der zu ausgiebige Verzicht auf Kultur und Geschichte wird für uns wettgemacht durch phantastische Kurven und neuerlich beeindruckende Blicke auf die malerische Küste mit ihren feinen Stränden und der mediterranen Fauna. Auch nach 'Villasimius' und entlang der 'Costa Rei' setzt sich dieses Szenario zu unserer Freude weiter fort. Nach so viel Kurven lenken wir unsere Bikes bei 'Castiadas' wieder zurück auf die SS125, die uns gut ausgebaut rasch nach Norden bringt. Bei 'San Vito' verlassen wir die Schnellstraße und schlagen uns wieder ins Landesinnere durch. Über 'Ballao' und 'Escalaplano' gelangen wir ins absolute Motorradfahrer-Paradies: Eine Kurve geht über in die nächste, es geht bergauf und bergab und der Asphalt bietet sensationellen Grip.

Durch 'Tortoli' touren wir tags darauf Richtung SP27, um auf ihr gleich wieder mit einer neuerlichen Kurvenorgie zu beginnen. Die bekannten Steineichen wechseln sich hier mit dichtem Bestand kräftiger Kastanien ab und die kurvige Straße bringt uns ins wilde Bergland Sardiniens. Die Route führt uns vorbei an der nach einem Erdrutsch zerstörten und nun verlassenen Geisterstadt 'Gairo Vecchio' und bietet uns grandiose Sicht über das Tal des 'Riu Pardu' und auf weitere mögliche Streckenvarianten. Wir nehmen die SP11 und fahren in das Bergdorf 'Ulassai', das einem Adlerhorst gleich am Hang liegt.

Die SS125 ist unser „Roter Faden“, der uns am folgenden Tag sogleich in schwungvollen Kurven durch das Bergdorf 'Baunei' nordwärts bringt. Es warten an die 50 Kilometer des reinsten Kurvenräuberns auf uns und bieten zudem weiterhin imposante Blicke auf tiefe Schluchten und wilde Felsen. Die perfekt ausgebaute Höhenstraße ist ein einziger Kurventraum, der über den 'Passo Genna Silana' und durch den Nationalpark 'Parco Naturale del Gennargentu' durch die unwahrscheinlich schöne Landschaft des 'Supramonte' Gebirges führt.

Kurz hinter dem 'Lago del Cedrino' schwenken wir links auf die SP46, biken an dem charakteristischen Bergstädtchen 'Oliena' vorbei ins Landesinnere und somit ins Bergland rund um 'Orgosolo', wo sich zahlreiche Zeugen der Nuraghenkultur und deren Siedlungen finden. Schwungvoll geht es weiter über Hügel und an Weinbergen vorbei nach 'Mamoiada', dem ältesten Hirtendorf der Insel. Nach weiteren zahlreichen Straßenwindungen erreichen wir inmitten des 'Gennargentu', des höchsten Gebirges der Insel, auch dessen höchstgelegenes Dorf: 'Fonni'.

Auf der SP7 stürzen wir uns wieder ins Kurvenvergnügen und nach dem Örtchen 'Desula' in steilen Kehren hinab zur SS295, durchqueren wir nach atemberaubender Fahrt das Bergdorf 'Aritzo'. 'Aritzo' ist als „Stadt der Kastanien“ bekannt, da es hauptsächlich von Kastanienwäldern umgeben ist.
Rasant geht es dann über die auf einer Hochebene gelegene Provinzhauptstadt 'Nuoro' wieder in Richtung Küste, wo der Bauch unserer Fähre die Bikes wie ein großer Magnet ins Innere zieht.
Für uns ist allerdings nach den vergangenen Tagen klar, dass unser Magnet ab sofort Sardinien heißt und uns sicher noch viele Male anziehen wird.


Text und Fotos: Road Concept / Andreas Wiesenzatter

Die Motorräder zu diesem Bericht wurden uns von Motorradsport Holzleitner zur Verfügung gestellt. Auf diesem Weg bedanken wir uns hierfür nochmals ganz herzlich.